Drei Jahrzehnte nach dem Bosnienkrieg erschüttert eine neue Recherche Italien und Bosnien gleichermaßen: Die Mailänder Staatsanwaltschaft untersucht den Verdacht, dass reiche Ausländer – darunter auch Italiener – während der Belagerung von Sarajevo Geld bezahlt haben sollen, um als „Scharfschützen-Touristen“ auf Zivilisten zu schießen.
Ausgelöst wurde das Verfahren durch eine Strafanzeige des italienischen Journalisten und Schriftstellers Ezio Gavazzeni. Die Vorwürfe sind schwer – aber bisher nicht gerichtlich bewiesen. Es handelt sich um Ermittlungen, nicht um abgeschlossene Urteile.
Die Anzeige eines Journalisten
Gavazzeni hat laut italienischen Medien ein Dossier von rund 17 Seiten bei der Staatsanwaltschaft in Mailand eingereicht. Darin fasst er Zeugenaussagen und Dokumente zusammen, die auf eine Art „Kriegstourismus“ während der Belagerung von Sarajevo (1992–1996) hindeuten sollen.
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Ermittlungsgegenstand sind nach italienischen Berichten „plurimo omicidio volontario aggravato“, also mehrfacher vorsätzlicher Mord, erschwert durch besondere Grausamkeit und „niederträchtige Motive“.
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Das Verfahren läuft zunächst gegen Unbekannt („a carico di ignoti“) – es gibt also offiziell noch keine namentlich beschuldigten Personen.
Gavazzeni gibt an, er sei durch den slowenischen Dokumentarfilm „Sarajevo Safari“ (2022) auf das Thema aufmerksam geworden. Der Film thematisiert bereits die These, dass wohlhabende Ausländer von serbischen Einheiten an die Frontlinien gebracht worden seien, um dort auf Zivilisten zu schießen.
Was genau wird den mutmaßlichen „Scharfschützen-Touristen“ vorgeworfen?

Nach den bisher öffentlich bekannten Informationen geht es nicht um reguläre Soldaten, sondern um Zivilisten, die angeblich für ein Wochenende oder wenige Tage nach Sarajevo gebracht worden sein sollen.
Untersuchungen verschiedener Medien und Aussagen von Zeugen zeichnen – vorsichtig formuliert – folgendes Bild:
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Die mutmaßlichen „Touristen“ sollen überwiegend wohlhabende Männer gewesen sein, teils mit Jagd- oder Schießsport-Hintergrund.
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Sie sollen hohe Summen, in einigen Berichten ist von umgerechnet bis zu 100.000 Euro die Rede, gezahlt haben, um von Stellungen der bosnisch-serbischen Truppen aus auf Zivilisten in Sarajevo zu schießen.
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Zeugen sprechen von einer regelrechten „Preisliste“ für Ziele – besonders perfide: Kinder sollen demnach als „teurer“ gegolten haben als erwachsene Männer, während auf alte Menschen angeblich niemand „zahlen“ wollte.
Diese Darstellungen stammen aus Zeugenaussagen, Medienberichten und Dokumenten – sie sind Gegenstand der Ermittlungen, aber keine gerichtlich festgestellten Tatsachen.
Die Rolle italienischer Staatsbürger
Mehrere italienische Medien berichten, dass in den Unterlagen von Gavazzeni mindestens „fünf Italiener“ erwähnt würden, die von bosnischen Geheimdienstkreisen bereits in den 1990er Jahren identifiziert worden seien.
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Die Gruppen sollen demnach vor allem aus dem Nordosten Italiens (u. a. aus dem Raum Triest) angereist sein.
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Einige Berichte sprechen von Geschäftsleuten oder Personen mit gesellschaftlich respektabler Stellung.
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Namen werden öffentlich nur sehr zurückhaltend, meist gar nicht genannt – auch, um Persönlichkeitsrechte und die Unschuldsvermutung zu wahren.
Die Mailänder Staatsanwaltschaft selbst hält sich bislang äußerst bedeckt und hat zu den Medienberichten keine inhaltlichen Details bestätigt.
Zeugen, Dokumente und der lange Schatten der Belagerung
Eine wichtige Rolle spielen Hinweise eines ehemaligen bosnischen Geheimdienstoffiziers, der bereits in früheren Verfahren in Den Haag ausgesagt hat. Er will in den 1990er Jahren von einem gefangenen Kämpfer erfahren haben, dass sich Zivilisten mit hochentwickelten Waffen unter den Schützen befanden, die nicht zur regulären Truppe gehörten.
Daneben kursieren seit Jahren Aussagen eines ehemaligen amerikanischen Feuerwehrmanns, der im Zusammenhang mit „Sarajevo Safari“ berichtet haben soll, dass ausländische „Gäste“ auf Menschen geschossen hätten. Diese Aussagen werden nun ebenfalls von Ermittlern ausgewertet.
Wichtig ist: Keine dieser Aussagen ersetzt ein Strafverfahren. Sie sind Bausteine eines Puzzles, das die Ermittler nun zu prüfen versuchen – unter anderem durch:
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Abgleich mit Militär- und Geheimdienstakten aus den 1990er Jahren,
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mögliche Öffnung bislang geheimer Dokumente,
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erneute Vernehmung von Zeugen in Bosnien und anderen Ländern.
Reaktionen in Bosnien und Italien
In Sarajevo wecken die Berichte über „Sniper-Tourismus“ schmerzhafte Erinnerungen. Rund 11.000 Zivilisten wurden während der Belagerung durch Beschuss und Scharfschützen getötet. Für viele Überlebende ist die Vorstellung, dass Menschen aus dem Ausland „zum Spaß“ auf sie geschossen haben könnten, ein zusätzlicher Schock – und zugleich ein Anlass zu der Hoffnung, dass bisher unbekannte Täter doch noch identifiziert werden.
Auch in Italien ist die Debatte heftig. Während einige Kommentatoren von einem der „dunkelsten Kapitel“ sprechen, das nun endlich aufgearbeitet werden müsse, mahnen andere zur Zurückhaltung und betonen, dass bislang weder die Zahl der beteiligten Personen noch konkrete Verantwortliche gerichtsfest festgestellt seien.
Juristische Fallstricke und offene Fragen
Aus rechtlicher Sicht ist der Fall komplex:
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Es geht um mutmaßliche Taten auf fremdem Staatsgebiet während eines Krieges – mit Beteiligung ausländischer Akteure und eventuell Geheimdiensten verschiedener Staaten.
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Die Mailänder Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Mordes, nicht wegen klassischer Kriegsverbrechen – Mord verjährt in Italien grundsätzlich nicht, was die Strafverfolgung Jahrzehnte später möglich machen kann.
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Gleichzeitig ist die Beweislage schwierig: Viele Dokumente stammen aus Geheimdienstkreisen, Zeugen leben zum Teil im Ausland oder sind schwer erreichbar, und die Ereignisse liegen mehr als 30 Jahre zurück.
Bislang ist offen, ob es tatsächlich zu Anklagen vor einem italienischen Gericht kommen wird – und wenn ja, gegen wen.
Was bisher feststeht – und was nicht
Um den rechtlichen Rahmen sauber zu halten, lässt sich der Stand der Dinge – Stand November 2025 – so zusammenfassen:
Gesichert ist:
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Die Belagerung von Sarajevo durch bosnisch-serbische Truppen (1992–1996) kostete tausende Zivilisten das Leben, viele starben durch Scharfschützen.
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Es existiert der Dokumentarfilm „Sarajevo Safari“, der bereits 2022 den Vorwurf eines „Menschen-Safaris“ durch wohlhabende Ausländer erhoben hat.
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Die Staatsanwaltschaft in Mailand hat aufgrund einer Anzeige von Ezio Gavazzeni ein Ermittlungsverfahren eröffnet – zunächst gegen Unbekannt, mit dem Verdacht auf mehrfachen, schwer erschwerten Mord.
Nicht gesichert ist bislang:
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Wie viele Personen tatsächlich an einem solchen „Sniper-Tourismus“ beteiligt waren.
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Ob und inwieweit italienische Staatsbürger nachweisbar an der Tötung von Zivilisten beteiligt waren.
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Ob die vorliegenden Zeugenaussagen und Dokumente vor Gericht für eine Verurteilung ausreichen werden.
Fazit
Der Fall um die mutmaßlichen „Sniper-Touristen“ ist derzeit vor allem eines:
Ein laufendes Ermittlungsverfahren, ausgelöst durch die Recherche eines Journalisten, getragen von schweren, aber noch unbewiesenen Vorwürfen.
Für die Überlebenden von Sarajevo ist schon die Tatsache, dass nun endlich ermittelt wird, ein wichtiges Signal. Für die Justiz beginnt erst jetzt die eigentliche Arbeit: herauszufinden, was sich während der Belagerung tatsächlich abgespielt hat – und wer dafür die Verantwortung trägt.